„Jaja, schon klar,“ war mein erster Gedanke, als mich ein junger Mann aus dem eher erweiterten Freundeskreis im Winter fragte, ob ich mit ihm am Rogaine teilnehmen würde. Erstes Googeln ergab, dass es sich dabei genau genommen um die Internationalen deutsch-tschechischen Meisterschaften im Rogaining 2009 handelte. Was hatte ich denn bitte da verloren? Bei näherer Recherche stellte sich allerdings heraus, dass es nicht verboten ist, auch einfach ein bisschen Spaß dabei zu haben. Also Plan gefasst, Team gegründet, Team vergrößert, geteilt, verringert, zusammengeführt, nochmal verringert und schließlich waren es genau er und ich, die sich am vergangenen Wochenende aufmachten, um den Wald, die Welt und die Ranglisten zu erobern.
Bereits die Hinfahrt ließ auf ein spektakuläres Ereignis hoffen: Bei Nacht und Nebel mit unter fünfzig Metern Sichtweite benötigten wir etwa vier Versuche, um das Basislager kurz hinter der tschechischen Grenze zu finden. Zum Glück gewitterte es nicht wie erwartet, was den Zeltaufbau im Dunklen deutlich vereinfachte. Nach Gulaschsuppe und Bier mit der Konkurrenz* lagen wir gegen eins in unseren Schlafsäcken, um uns durch ein Maximum an Schlaf und Erholung auf das Rennen vorzubereiten. Am Samstagmorgen gegen neun begannen dann die konkreten Vorbereitungen: Sachen packen, karges Frühstück (erstaunlicherweise ähnelten sich unsere Vorstellungen von Proviant verblüffend) und kleine Sticheleien gegen die unmittelbaren Gegner, um deren Moral schon mal zu unterwandern. Die Läufer des 12-Stunden-Rogaines machten sich bereits auf den Weg und wir sahen einige von ihnen lässig mit der Karte in der Hand den Berg hinauf joggen. Vom Moment der Kartenausgabe an herrschte schließlich bei uns zwei Stunden lang große Konspiration. Wer nämlich denkt, Rogaining würde einfach bedeuten, einen Tag lang durch den Wald zu rennen, bis die Füße bluten, unterschätzt die taktischen Herausforderungen des Sports. Niemand will schließlich, dass die anderen wissen, welche Route man plant und welche Punktzahlen man sich vorgenommen hat.


Um zwölf Uhr begann schließlich unser Lauf – begleitet von Nebel und leichtem Nieselregen – und sofort wälzt sich eine Masse von Orientierungsläufern den ersten Berg hoch.

Doch bereits nach dem ersten Punkt zerstreute sich die motivierte Menge und wir waren mehr oder weniger allein unterwegs. In Anbetracht meiner mangelnden Erfahrung war ich hauptsächlich für die Kompassnavigation zuständig und überließ den Rest dem Kartenleser, der uns dann auch sicher und zielstrebig von Punkt zu Punkt führte. Euphorisiert durch zügiges Vorankommen und erste hohe Wertungen gönnten wir uns sogar ab und an einen kleinen Stopp im Beeren-Schlaraffenland.

Auch Sehenswürdigkeiten wie das auf der Karte markierte Bordell ließen wir uns freilich nicht entgehen, wenngleich eine nähere Besichtigung des Etablissements aus verschiedenen Gründen ausbleiben musste. Dafür gab es genug anderes zu bestaunen.






Und so wanderten wir. Glücklicherweise blieb es weitestgehend trocken und recht warm, nur der ewige Nebel versuchte mitunter, einen Punkt vor uns zu verbergen.

Der Mangel an Niederschlag hinderte mich natürlich nicht daran, bereits nach wenigen Kilometern in eine so tiefe Schlammpfütze zu treten, dass das Wasser von oben in meinen Schuh schwappte. Was ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht wusste, war, dass das irgendwann keine Rolle mehr spielen würde. Außer durch den Wald, auf Hügel hinauf und über sandige Wege führte unsere Route nämlich auch durch hohes, nasses Gras, durchs Moor sowie über das ein oder andere Bächlein und irgendwann stand das Wasser in den Schuhen so hoch, dass es einfach egal war, ob man bis zum Knie im Bach stand oder bis über den Knöchel im Morast steckte.
Nach gut zehn Stunden kehrten wir wieder im so genannten Hash House ein, um uns mit Suppe, Schlaf und trockener Kleidung für die zweite Runde zu rüsten. Dabei durften wir feststellen, dass das Rennen durch vorläufige Punktgleichheit mit den Konkurrenzteams noch an Spannung gewonnen hatte. Nun hieß es also geschickt taktieren. Nach ein wenig Schlaf (sehr wenig in meinem Fall, der Kohlsuppe sei Dank) brachen wir um vier Uhr früh bei gerade einsetzender Dämmerung zur zweiten Runde auf. Nach etwas Nieselregen in der Nacht hatte das Wetter weiterhin Mitleid mit uns, dafür war die Strecke umso morastiger und von Bachläufen durchzogen. Wie gut, dass ich bereits mit nassen Schuhen aufgebrochen war. Mit zunehmender Helligkeit und Punktzahl stieg die Motivation, allerdings machten sich auch erste Erschöpfungssymptome breit. Die Gespräche drehten sich immer häufiger um kleine Zipperlein, die wir jedoch stets für nichtig erklärten und die Schweigephasen wurden länger, unterbrochen vom liebevollen Suchruf „Idiot?“ – „Idiohot!“, durch welchen Verwechslungen mit gegebenenfalls in der Nähe befindlichen anderen Teams ziemlich sicher ausgeschlossen werden konnten. Das Finden der Punkte gestaltete sich zunehmend einfacher, da die Wege bereits recht ausgetreten waren. Allerdings wurde es dadurch nicht fußschonender, denn viele Punkte lagen in Gelände, das ich normalerweise nicht freiwillig bewandert hätte. Meine Knöchel sahen dementsprechend auch noch zwei Tage lang etwas deformiert aus.
Am Ende hinderte uns der körperliche Verschleiß jedoch nicht daran, eine Stunde vor Ende des Laufs lässig durchs Ziel zu joggen, nach 57 Kilometern, knapp 80.000 Schritten und mit 1150 von 3370 Punkten. Dass wir damit weit ab von der Spitze lagen, juckte uns freilich kein bisschen, umso weniger, als sich herausstellte, dass wir alle Teams, mit denen wir uns verglichen, geschlagen hatten. Yeah!

Hunger, Müdigkeit und Schmerzen setzten erst nach und nach ein, gedämpft von einer stillen Euphorie. Ohne viel Aufsehen wurde das Zelt abgebaut und der Heimweg angetreten, wo Familie, Freunde und Erdbeertorte warteten. Dass ich nach der Fahrt im Auto kaum mehr aufstehen, geschweige denn laufen konnte, tat dem Gefühl wohlverdienter Zufriedenheit keinen Abbruch. Und wie die Überschrift schon andeutet, würde (werde?) ich es wieder tun.
Blåbær er helt fantastisk.
Å gå på tur er helt fantastisk
Vi er Helt Fantastisk!**

* Die meisten mir persönlich bekannten Konkurrenten hatten schon im Vorfeld die Schwänze eingezogen, weswegen wir allen Ehrgeiz auf den Sieg über die Kollegen des Kartenlesers konzentrierten – mit Erfolg.
** immerhin Platz 17 in der Kategorie XO24



Gratulation, echt cooler Bericht, scheint anstrengender zu sein als die Wanderungen auf den Lofoten
Die Trainings haben sich wohl gelohnt…
Wenn du ein Trainingsgelände suchst mit vielen Höhenmeter, die nächsten 3.5 Wochen kannst du meine Wohnung gebrauchen
konnte mir in den netzfreien tagen einen kurzen bericht vom kartenleser holen. den platz konnt er mir noch nicht verraten. hut ab!!!